1. Fotokunst – zeitgenössische Reflexion

Tendenzieller Irrtum und Mut zur selbstbestimmten Sichtweise

Wie wir bisher beobachten konnten, hat sich in den letzten drei Jahrzehnten die Geschwindigkeit der Kommunikation und die Einführung von Innovationen in den verschiedenen Bereichen von Wissenschaft und Technik beschleunigt, vor allem aber hat die Masse an neuen Informationen exponentiell zugenommen. Umso wichtiger scheint es, zeitgleich Reflexionsanstrengungen zu unternehmen, was sich mitunter als schwierig erweist, da auch Reflexionsphasen Zeit für sich beanspruchen und damit den Innovationsschüben immer nur nachlaufen können. Bezogen auf die Innovationen im Bereich der Bildmedien fragen sich Kunsthistoriker*innen:

„Kann ein Historiker die Gegenwart beobachten? […] Ohne den Abstand, der die Perspektive des Historikers bestimmt, kann der Beobachter versucht sein, voreilige Schlussfolgerungen zu ziehen. Jedoch ist selbst der Irrtum bedeutsam. Diese oder jene Einschätzung, damals spontan artikuliert, erweist sich einige Jahre später als von Vorurteilen geprägt, die damals nicht unbedingt erkennbar waren, und liefert der späteren Betrachtung wichtige Hinweise.“1 (André Gunthert)

Erste tastende Versuche, die Gegenwart zu reflektieren, können wichtige und weiterführende Hinweise liefern – etwa auf die Verfasstheit, Kontextualität und Stimmung unser Handlungen und Reflexionen zu einer bestimmten Zeit. In diesem Sinne kann es richtig sein, einen kritischen BLOG über die Fotokunst der Gegenwart zu starten, um Tendenzen nachzuspüren, aufzuzeigen und versuchsweise kritisch einzuordnen. Zudem liegt der Wert eines Weblogs in seiner Aktualität und darin als Forum zu dienen, um Gespräche zu führen, Interviews zu publizieren und diese um Kommentare Dritter zu ergänzen. Als eine der unzähligen Folgeerscheinungen der Digitalisierung bietet der Weblog die Möglichkeit der Partizipation und Intervention, um Tendenzen in der Fotografie aufzuspüren, im Dialog zu verhandeln und um neue Sichtweisen zu erweitern.
Eine positive Grundeigenschaft digitaler Fern-Kommunikation liegt im dialogischen Potential, das der Philosoph Vilém Flusser früh erkannte und bereits in Bezug auf die Fotografie diskutierte. Die digitale Bildkommunikation und Intervention wird heute von Kunsthistorikern wie André Gunthert als demokratisches Potential herausgestellt, insbesondere im Blick auf die Möglichkeit des sogenannten „Bürger-Journalismus“.

„Mit dem digitalen Bild verbindet sich das Versprechen von Egalität, Teilhabe, Vernetzung, einer veränderten Qualität der Kommunikation und einer anderen Aufteilung des kommunikativen Raumes, und es gibt keinen Grund, nicht an dieses Versprechen zu erinnern, selbst wenn es immer nur partiell eingelöst wird.“2 (Stefanie Diekmann)

Gunthert bezeichnet die digitale Fotografie als „L’image partagée“ (Éditions Textuel, Paris 2015). Die deutsche Übersetzung „Das geteilte Bild“ erscheint 2019 und erinnert an einen kurz zuvor publizierten Titel einer gemeinsamen Forschungssammlung von Medienwissenschaftlern*innen: „Bilder Verteilen“12. In diesen aktuellen Publikationen verschiebt sich der fototheoretische Diskurs von einer strukturellen und ontologischen Analyse hin zu einer Analyse der digitalen Bildpraktiken und den Prozessen der Zirkulation und Dissemination, die durch Computertechnologien drastisch gefördert werden. Das digitale Bild ist „fluid“, „vernetzt“ und damit vor allem ein kommunikatives Bild, das erstellt wird, um geteilt zu werden. Eine visuelle Information mit den inhärenten Eigenschaften der Partizipation und der virulenten und schnellen Verbreitung. Die positiven Konnotationen von „geteilt“ und „kommunikativ“ können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei Hass- und Gewaltofferten ebenso um Mitteilungen – sogar um besonders aufdringliche und folgenreiche – handelt. Die Erfahrungen zeigen uns auch, dass das demokratische Medium ebenso als demagogisches Medium verwendet werden kann.

Meine eigene Publikation „Fotokunst in Zeiten der Digitalisierung“3 von 2016 bezieht sich auf die Zeitspanne, in der sich der medienkulturelle Umbruch und die Übergangsphase von analog zu digital ereignet. In dieser ersten Phase der Digitalisierung ging es darum, analoge Produkte digital umzukopieren und analoge Geräte zur Erstellung neuer Formate durch digitale zu ersetzen. Diese Prozesse mussten auch auf der qualitativen Ebene kritisch begleitet werden. In der Kunsttheorie liefen Versuche an, neue ästhetische und wahrnehmungstheoretische Unterscheidungen zu formulieren und tradierte Definitionen analoger Formate hinsichtlich ihrer Bedeutung für das Digitale zu hinterfragen.

Rückblickend stelle ich fest, dass meine damaligen Forschungen bereits an vielen Stellen von einer Skepsis durchzogen sind, welche die dialogischen und demokratischen Potentiale in dem Moment in Gefahr sieht, in dem wir von der freiheitlichen Nutzung des Internets und der möglichen Einschreibung eigener Netzwerkstrukturen abgeschnitten sind, und stattdessen lediglich selbstausbeuterisch mit einem hohen Zeitaufwand Informationen freigeben und in vorgefertigte Oberflächen einschreiben, ohne davon noch existieren zu können – ganz im Sinne neoliberaler, postfordistischer Marktstrukturen. Zu dieser Einsicht führten mich einerseits eigene Erfahrungen in der Praxis der angewandten Fotografie, andererseits meine Auseinandersetzungen mit den damals aktuellen kritischen Analysen zur Digitalisierung, wie etwa mit den Beiträgen von Byung Chul-Han, Maurizio Lazzarato, Jaron Lanier, Allan Douglas Coleman, Bernard Stiegler, Richard Sennett, Eva Illouz, Hans Christian Dany, Geert Lovink – um nur einige zu nennen.

(text/artworkBirgitWudtke©2020)

 

1 Gunthert, André: Das geteilte Bild. Essays zur digitalen Fotografie,
Konstanz University Press 2019, Seite 13
2 Gunthert, André, 2019, Seite 11
12 Gerling, Holschbach, Löffler: Bilder verteilen. Fotografische Praktiken in der digitalen Kultur. transcript Verlag Bielefeld, 2018
3 Wudtke, Birgit: Fotokunst in Zeiten der Digitalisierung. Künstlerische Strategien in der Digitalen und Postdigitalen Phase. transcript Verlag, Bielefeld 2016

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