2. Postdigital

Aufkommen eines Begriffs, Vorgeschichte

Meine Recherchen im Rahmen der Dissertation begannen 2011 und bezogen sich im Wesentlichen auf die Fotokunst, die zwischen 1990 und 2015 entstanden ist. In einer Zeitleiste notierte ich die Abfolge der technischen Innovationen im Bereich der Fotografie (angefangen mit Photoshop 1.0) und ordnete ihnen die erfolgreiche Fotokunst chronologisch zu. Es wird sofort erkennbar, wie sehr der Fotokunstmarkt in dieser Zeit von den jeweils neuesten technischen Innovationen profitiert, obgleich hier kaum noch „Photographien“ im tradierten Sinne, sondern digitale Fotografiken gezeigt werden d.h. Computergrafiken, die nachträglich digital (lat. digitus = Finger) per Hand bearbeitet werden. Das Ausgangsmaterial wird dabei nicht mehr zwangsläufig von den Künstlerinnen und Künstlern selbst aufgenommen. Die Kunstschaffenden nutzen vielmehr zunehmend Fremdmaterial wie gefundene Bilder aus vorhandenen Archiven.

Diese „euphorische Phase der Digitalisierung“ hat 2007 ihren Höhepunkt mit dem Verkauf millionenschwerer großformatiger Fotokunst auf dem Kunstmarkt und in den großen Kunstauktionen. Zeitgleich aber scheint die Stimmung zu kippen. Auch die Werbung präsentiert sich aus Kostengründen vermehrt digital. Es wird immer schwieriger als Berufsfotograf*in zu existieren. Die Bilder in den Werbekampagnen werden von Postproduktioner*innen zusammencollagiert und damit werden die Fotograf*innen zu Materiallieferant*innen degradiert; die Fotograf*in als Zeuge*in und Autor*in und das individuelle Portfolio scheinen in einem Meer von digital verbreiteten und zur Verwendung angebotenen Fotos unterzugehen. Mit der Gründung der Enthüllungsplattform Wikileaks die Dokumente und Informationen über unethisches Verhalten von Regierungen und Unternehmen veröffentlicht, kommt es zu ersten Verhaftungen von Whistleblowern.

In meiner Forschungsarbeit thematisierte ich bewusst die negativen Trends dieser Phase, auch als Motivation zur Einführung in die folgende neue Entwicklungsstufe: die Postdigitale Phase – eine Phase der kritischen Reflexion der Gegenwart und der aktuellen Kunst nach dem „Post-Snowden-Afterglow“ (transmediale 2014). Es ging darum, das Ende der „euphorischen Phase der Digitalisierung“ auszurufen und eine wache Kunstanalyse zu liefern, die dazu beitragen sollte, eine einfache Fortführung der bis dahin eher unkritisch begleiteten großformatigen Fotokunst zu erschweren.
Dabei bezog ich mich in meiner Kritik zunächst auf Arbeiten aus meinem mir vertrauten Kulturkreis. Ich fühlte mich durch gewisse Werke manipuliert – einerseits durch deren mangelhafte Beschriftung und unzureichende Erklärung der künstlerischen Strategie, wie auch durch deren Anlehnung an die Ästhetik der Werbung. Es interessierte mich Kunst von Propaganda abzugrenzen, da ich mich selbst emotional und kognitiv im eigenen Schaffen in die verschiedenen Bereiche der Bildproduktion verstrickt erlebte. Zu Beginn meiner Studienzeit erlernte ich die ersten Operationen mit Photoshop 1.0 und konnte mich früh durch die Aufträge im Bereich der Bildbearbeitung finanzieren und meine selbstständige künstlerische Arbeit weiterverfolgen: Fotografieren, Ausstellen, Forschen, Schreiben, sowie Kunstausstellungen und Festivals besuchen.
In meiner Dissertation habe ich die Herkunft des Begriffs „Postdigital“ und seine Bedeutung hinsichtlich neuer künstlerischer Strategien erläutert und beispielhaft in Bezug auf die Fotografie diskutiert. Zeitgleich widmeten sich verschiedene Autoren des Kunstforum International dem Begriff in zwei Bänden: „Postdigital 1“ (Bd. 242, 2016) und „Postdigital 2“ (Band 243, 2016).

„Im Diskurs zeitgenössischer Kunst etabliert sich „postdigital“ zunehmend als Überbegriff jedweder Kunst, die in irgendeiner Form die heutigen informationstechnisch-industriell-politischen Komplexe und Regimes reflektiert. Damit wird „postdigital“ auch zum Überbegriff von Genrebezeichnungen wie „Post-Internet.“1    (Florian Cramer)

(text/artworkBirgitWudtke©2020)

 

1 Cramer, Florian: Nach dem Koitus oder nach dem Tod? Zur Begriffsverwirrung von „postdigital“, „Post-Internet“ und „Post-Media“, Kunstforum Bd. 242 “Postdigital 1”, 2016, Seite 54

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