4. Zu den Herausforderungen der postdigitalen Phase

Heute kann praktisch jeder mit relativ geringem finanziellen Aufwand leistungsstarke Computer, Desktops, Laptops, Tablets, mindestens aber ein (gebrauchtes) Smartphone erwerben. Damit besitzt auch jede*r eine Kamera und jede*r macht Fotos, die sofort publiziert und verbreitet werden können. Der Zugang zum Internet, die Erstellung von Texten und die Kommunikation mit Foto und Video werden schon mit Kleinstgeräten allen zugänglich gemacht. Das ist auch von den Hersteller*innen so gewollt, längst haben sich Portale herausgebildet, die davon leben Daten zu sammeln um sie in profitable Projekte zu überführen. Ein Foto dient oft nur noch als Trägerdatei für andere Daten, die mit der Bilddatei verknüpft sind, und nun am Bildrecht vorbei für algorithmische Auswertungen genutzt werden.
Heute werden mehr Daten produziert als überhaupt gelesen werden können und täglich werden mehr Fotos produziert und publiziert als in den ersten 170 Jahren der Fotografiegeschichte zusammen. Damit hat die Fotografie eine große ökonomische Abwertung erfahren: „Sie ist wie eine Währung, die inflationär gedruckt wurde.“1 Zu jeder erdenklichen Bildthematik lassen sich Fotos finden, die von Suchmaschinen und Bilddatenbanken enzyklopädisch bereitgestellt werden. Mithilfe algorithmischer Bilderkennungsverfahren und dem Bildtraining künstlicher Intelligenz wird sich die erfolgreiche Bildsuche in der Zukunft weiter steigern lassen und langfristig für die Distributor*innen in den Bereichen Werbung, Magazin, Buch und Zeitung attraktiver werden. Die Digitalisierung hat ernsthafte Konsequenzen für die Bildindustrie; es kommt zur Vereinfachung von Verfahren, zur Vervielfachung der Datenbasen sowie zum Verfall der Preise. Zu den vielen Neugründungen von privaten Fotoschulen will es gar nicht passen, dass immer weniger Fotografen*innen gebraucht werden, da man nunmehr fast unbegrenzt auf digitale Bildquellen zugreifen kann. Fotofachlabore und Portraitstudios sind bereits weitestgehend verschwunden.

Entgegen der positiven Herausstellung demokratischer Potentiale des digitalen Bildes und der enormen wie auch anregenden Bilddiversität, die durch die Digitalisierung der Fotografie hervorgerufen wurde, steht fest, dass die berufliche Situation der Fotografen im Vergleich zur analogen Zeit zunehmend prekärer geworden ist. Die Zeit der Festanstellungen ist vorbei und die Tagessätze, die noch in der analogen Phase bei einem Auftrag angesetzt wurden, haben sich bei gleicher Arbeitszeit praktisch halbiert.
Allgemein gilt die Digitalisierung als Jobvernichter in den Arbeitsbereichen, die von Computern oder computergesteuerten Maschinen übernommen werden können – andererseits eröffnen sich neue Chancen für die verschiedensten Unternehmungen. Laut einer Studie2 können 4.4 Mio Jobs in Deutschland von Computern übernommen werden. Interessanterweise ist das Substituierbarkeitspotenzial bei Designer*innen, Fotograf*innen und Reklamehersteller*innen mit 27,6 Prozent verhältnismäßig gering. Natürlich kann ein vollautomatisiertes Fotostudio die Arbeit von mehreren Fotograf*innen effizienter und kostengünstiger übernehmen, wenn es beispielsweise darum geht einen Online-Shop mit Legeware/Kleidung zu bebildern. Auch die Nachbearbeitung dieser Bilder lässt sich automatisieren und muss lediglich vor der Veröffentlichung kontrolliert werden.
Diese Entwicklung kann man jedoch positiv bewerten, da diese automatisierten und repetitiven Arbeiten wenig befriedigend sind. Allerdings sicherten sie in der Übergangsphase der Digitalisierung die Existenz von Fotokünstler*innen, die gerade erst begonnen hatten sich zu etablieren. Alle, die sich dafür entscheiden, beruflich und professionell mit der Fotografie zu arbeiten, müssen sich zunächst ihr Equipment selbst beschaffen und laufend Investitionen vornehmen. Die waghalsige Entscheidung Fotografie als Beruf zu wählen muss heute also mit Respekt betrachtet werden.

In diesem Sinne sollen im Folgenden die Chancen herausgearbeitet werden, die die Digitalisierung der Fotografie auf künstlerischer Ebene bereithält. Diese entfalten sich dann, wenn wir konservative Verhaltensmuster aufgeben oder dekonstruieren und die digitale Fotografik medial als andersartig und unterschieden von der tradierten Fotografie betrachten. Und dabei geht es um mehr als scheinbar nur um eine Klärung des Begriffs „Fotografie“, der durch den Medienwandel unscharf geworden ist. Zunächst ändert sich mit der Digitalisierung die Produktionsweise und noch nicht erkennbar das Ergebnis.
Heute wird so viel fotografiert wie nie zuvor, obwohl William J. Mitchel bereits seit 1992 vom „postfotografischen Zeitalter“ spricht: „Digital imagers give meaning and value to computational readymades by appropriation; we have entered the age of electrobricollage.“3 Der Fotokünstler wird zum Bastler. Mitchel macht damit einen Paradigmenwechsel deutlich, der heute viele Medienwissenschaftler*innen und Kunsthistoriker*innen so eindringlich beschäftigt.
André Gunthert erklärt die neuen Chancen im Bereich der Dokumentarfotografie anhand des digitalen „fluiden Bildes“. Diese sollen im Folgenden kurz aufgezeigt und pointiert herausgestellt werden.

(text/artworkBirgitWudtke©2020)

 

1 Pedro Meyer im Interview mit Felix Koltermann, Photonews 12/19, Seite 22
2 https://www.wiwo.de/erfolg/beruf/studie-digitalisierung-und-arbeitsplaetze-welche-jobs-betroffen-sind/12724850-2.html, Stand Abruf 18.12.2019
3 Mitchell, William J.: The Reconfigured Eye: Visual Truth in the Post-Photographic Era, MIT Press, Cambridge 1992, Seite 7

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