Gottfried Jäger (DE)

INTERVIEW / BRIEFWECHSEL
mit dem Künstler und Fototheoretiker Prof. em. Dr. phil. Gottfried Jäger. Autor der aktuellen Publikation: Abstrakte, konkrete und generative Fotografie

Lieber Gottfried Jäger,
Sie sind als Fotograf, Fototheoretiker und ehemaliger Hochschullehrer in Deutschland bekannt. Durch ihr spezielles Engagement im Bereich der experimentellen Fotografie konnten Sie Ihre Arbeiten zudem im Rahmen konzeptioneller Fotoausstellungen im Ausland präsentieren. Indem Sie den Begriff „generative Fotografie“ in den Kunstdiskurs einführten gelang es Ihnen, die Fotografie gleichrangig neben der Malerei und Bildhauerei zu etablieren. 
Als ich Ihnen 2016 meine Erstveröffentlichung zusandte, zeigten Sie sich erfreut über unsere kleine Gemeinsamkeit: die Auseinandersetzung mit dem Philosophen und Fototheoretiker Vilém Flusser. Im Folgenden möchte ich Sie weiter zu einer Beschäftigung mit ihm anregen – insbesondere hinsichtlich einer heranwachsenden Generation von Fotografen, bzw. Fotografikern, die ihre Bilder vor allem mit Hilfe computergesteuerter Programme erstellen.

Nach Vilém Flusser hat die Philosophie der Fotografie die Aufgabe „gegen den Apparat zu spielen“1, d.h. eine Strategie zu entwerfen, die Zufall und Notwendigkeit der menschlichen Absicht zu unterwerfen weiß. Diesen Auftrag, den Flusser uns und zukünftigen Generationen gibt, haben Sie einmal treffend als „Kulturkampf“ bezeichnet: „Der Mensch muss den Apparat in seiner Sturheit überlisten und gegen seine Regeln spielen – wenn er ihm nicht erliegen will. […] Die Einheit von Wahrheit und Treue, von der anfangs die Rede war, bezieht sich dabei nicht mehr auf die Übereinstimmung zwischen Bild (Medium) und Objekt, sondern auf die zwischen Bild und Subjekt. Das bedeutet historisch gesehen einen Gewinn menschlichen Einflusses auf das Gesamtsystem […].“2 Wie Sie selbst an dieser Stelle fortführen, handelt es sich hierbei um eine „schöne Vorstellung“ die Sie noch in den 90er Jahren als durch „die Geschichte vom kompositorischen Umgang mit dem fotografischen Prozess“ anhand einiger Beispiele verwirklicht sehen.

Welche Fotokünstler würden Sie angesichts des Kulturkampfs des Menschen in einer von Apparaten beherrschten Welt heute beispielhaft herausstellen?
2020 ist in gewisser Weise auch das „Experiment“ eines kulturellen Lebens ohne physische Begegnungs- und Kommunikationsräume und der nationalen Begrenzung. Die digitalen Apparate sollen die Heilsbringer in dieser Situation einer Pandemie sein. Kann Kultur stattfinden, auch wenn man nicht zusammenkommt? Weltweite soziale und politische Unruhen weisen dagegen darauf hin, wie vehement und vermutlich erfolglos viele Menschen gegen das Gesamtsystem aufbegehren. Auf welche Ressourcen und Möglichkeiten sollte sich die junge Generation experimenteller Künstler in einer solchen Situation konzentrieren? Sehen Sie eine sinnvolle Bewegung in der Kunst die es dem Subjekt ermöglicht, sich einer gemeinsamen Sache anzuschließen?

Liebe Birgit Wudtke,
vielen Dank für Ihre freundliche, ja fast liebevolle Einleitung zu einem ganzen Bündel relevanter Fragen. Doch werde ich sie weder einzeln noch erschöpfend beantworten können. So „große“ Fragen zu kommentieren habe ich bisher eher vermieden und gemeint, meine Arbeiten sollten entsprechende „Einstellungen“ zum Ausdruck bringen. „Sich im Kulturkampf des Menschen in einer von Apparaten beherrschten Welt zu behaupten und zu artikulieren“, wie Sie schreiben – schluck! – das klingt nach Flusser. Und Sie zitieren ihn ja auch. Denn Sie wissen: Sein Denken und seine Sprache haben mich beeindruckt. Und ich kann bestätigen: Die Begegnungen mit ihm und seiner Frau Edith haben sich entscheidend auf meine Einstellungen und Arbeiten ausgewirkt. Mit ihnen erlebte ich eine schöpferische Zeit.

Flusser achtete meine Arbeit in der Dunkelkammer und an den Rändern meines Faches und interpretierte sie „politisch“ – als Ausdruck eines implizit geführten „Kampfes“ gegen den Mainstream der fotografischen Gemeinschaft (R. H. Krauss). Aber in seiner sprachlichen Schärfe und Diktion hätte ich selbst das nie so zu sagen gewagt. Erst der Blick von außen, sein Blick, hat meiner formbezogenen, ja formalistischen Arbeit „politisch“ Sinn und Auftrag gegeben.

Denn „Formalismus“ war und ist ja zunächst ein negativ konnotierter Begriff. Ein Kampfbegriff, denken wir an die ideologischen Auseinandersetzungen der 1970er-Jahre zwischen Dokumentaristen und Visualisten zurück – damals immer noch ganz weit entfernt von einer autonomen Fotokunst heutiger Prägung. Ein „Formalist“ hatte in der DDR praktisch Berufsverbot, im Westen beging er ein Sakrileg (Pawek) und praktizierte eine „illegitime“ Kunst (Bourdieu). Das „technisch-mechanische Wesen“ (Honnef) des Mediums stand einer eigenständigen Fotokunst im Wege. Doch dass es eben genau dieses Wesen war und ist, das unser Fach neben anderen Fächern in besonderer Weise auszeichnet und ihm Eigenständigkeit unter den Bildkünsten verleiht, das wurde erst durch Leute wie Flusser nachhaltig erkannt und zur Sprache gebracht. Und ich bin zutiefst dankbar, dass ich einigen wenigen von ihnen begegnen und Kraft aus ihren Argumenten ziehen durfte.

Und um dies der Vollständigkeit halber hier nicht unerwähnt zu lassen, nenne ich das Buch „Die Sichtbarkeit des Bildes. Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik“ des Philosophen Lambert Wiesing. Sein Titel nimmt seinen Inhalt fast schon vorweg, die „Notwendigkeit“ autonomer Formen. Unter Begriffen der Abstraktion, Konkretion und Konstruktion haben sie in der Ideen- und Kunstgeschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts Karriere gemacht und sich als bedeutend und notwendig erwiesen. Auch dieses Werk und die Begegnung mit seinem Autor hat mein Selbstverständnis und das meines Faches entschieden weitergebracht (Reinbek 1997: ISBN 3-499-55579-4).

Es ist ein generatives Fach. Es bringt eigene Zeichen hervor. Es verfügt nicht nur über ikonische und symbolische sondern auch über strukturelle, autoreferenzielle Formen, die „nichts“ bedeuten – außer sich selbst. Und es verfügt – ein Geschenk der 1970er Jahre – über die Kraft zur Selbstkritik und Selbstanalyse, ja zur Selbstaufgabe, denken wir an die facettenreiche und überraschende Konzeptfotografie der 1970er-Jahre mit ihren selbstreflektiven Zeichen und Zeichenketten einer wiederum ganz und gar eigenen Bildsprache. Sie kann jederzeit neu aufspringen! Ihre fotogene Substanz kann aufgehen, auch und besonders heute, angesichts ihres vermeintlichen Untergangs in der massenhaften Digitalität. Schon mein Lehrmeister Siegfried Baumann in Bielefeld hat mich vor den Amateuren unserer Zunft gewarnt, sie nähmen uns unserer Domänen weg. Vor siebzig Jahren!

Nein unser Fach enthält noch viele latente Bilder und birgt in seinem genetischen Programm noch viele Überraschungen. Sie sichern seine Zukunft als Disziplin vielfältiger Anwendungen und Nutzungen. Und das nicht allein aufgrund seines innovativen, technisch-mechanischen Charakters. Sondern auch und vor allem aufgrund seiner reichen Ideen-, Geistes- und Bildgeschichte, ein Fundus, der längst aufgegangen ist und Wirkung entfaltet.

Was hätte das nun mit Ihren Fragen zu tun? „Um zu einer sinnvollen Bewegung in der Kunst“ zu gelangen, so würde ich heute sagen, brauchst Du den Anderen, die Anderen, Du brauchst das andere Argument; Du brauchst die überfachliche Auseinandersetzung, den Überbau, die Theorie, die Sprache, die Kooperation – und die Kritik. Flusser, um im Beispiel zu bleiben, war ja nicht nur mein Förderer, sondern auch mein schärfster Kritiker. So bezeichnete er meinen Fotoapparat wie auch seine Schreibmaschine als „längst überholt“: „Was tun Sie dagegen?“ – Dass mein Werken jemals als eine Art Freiheitskampf bezeichnet werden würde, auf diese untergründige Art und Weise also „Gegen den Apparat zu spielen“, das hätte ich mich allein nicht zu sagen getraut.

Doch war es mein Ziel. Der Wille, mein Fach von einer „illegitimen“ Kunst (Bourdieu) zu einer „legitimen“ zu entwickeln. Indes, es scheint vollbracht! „Fotografie“, so heißt es in der deutschen Wikipedia-Version, ist: „eine bildgebende Methode“. Sensationell. Und keiner hat es gemerkt. Ein Paradigmenwechsel der Stillen Post! Eine tiefe Zufriedenheit hat mich beim Lesen dieses Satzes erfüllt. Vor allem, wenn man die Fußnote mit einbezieht. Sie verweist auf meinen Buchtitel „Fotografie als generatives System“. Die Umkehrung des Blicks scheint gelungen: „You do not take a photograph. You make it.“ (Alfredo Jaar, 2013). Das Besondere ist zum Allgemeingut geworden. Die Sprache, das Wort von der anderen Seite – hat es gebracht!

Auf Ihre Frage nach Namen nenne ich Tillmans, als einen, der dies bildnerisch „gebracht“ und bewerkstelligt hat, nämlich mit außergewöhnlichen Mitteln ein gewöhnliches Fach wie die Fotografie als ein ungewöhnliches neu zu bestimmen. Er hat verstanden, die reichen Mittel unseres Verfahrens undogmatisch aufzurufen und zu benutzen und seiner Neugier und seinem Lebensmut damit Ausdruck zu geben. Er hat seine Sache richtig gemacht, ein Eklektizist, ein Alleskönner? Ja, im besten Sinne des Wortes; er handelt bildnerisch unabhängig, überraschend, setzt Abbild neben Strukturbild. In allem was er macht, ist er gut. Nicht nur fotografisch, auch politisch hat er Zeichen gesetzt, denken wir an die selbst initiierten und gestalteten Plakate zum Brexit um 2017. Ästhetisch und in ihrer Botschaft überzeugend. Eine nachträgliche Gratulation mal an dieser Stelle!

Aber es gibt auch so viele, zahlreich beeindruckende Beispiele junger Fotografie, die ich erhalte, mit neuen Mitteln und Methoden unserer Zeit, deren AutorInnen unbekannt sind – noch. Und die dennoch ganz ungewöhnliche und überraschende Zeichen in die fotografische Bilderlandschaft setzen. Und damit es nicht nur bei der Behauptung und dem einen großen Namen bleibt, will ich gerne einen weniger bekannten Namen nennen: Michael Järnecke aus Buxtehude, der 2015/2016 seiner Stadt mit einem beindruckend schönen und wissenschaftlich stringent untermauerten Buch mit „bewegter Fotografie“, wie er es nennt, ein überzeugendes Denkmal gesetzt hat – seiner Stadt und der eigenständigen Bildsprache Fotografie gleichermaßen (ISBN 3-924265-10-0). Ganz toll!

Bielefeld, 02.11.2020
Viele Grüße
Gottfried Jäger

www.gottfried-jaeger.de

Startbild / Jäger, Gottfried: Punktum (2000)
Inkjet Dibond, 120×120 cm; Sous Les Etoiles Gallery New York
1 Flusser, Vilém: Für eine Philosophie der Fotografie, European Photography hg.
von Andreas Müller-Pohle, Edition Flusser Band 3, Göttingen 1983, S. 73
2 Jäger, Gottfried: Abstrakte, konkrete und generative Fotografie. Gesammelte Schriften; Edition photogramme hg. Bernd Stiegler, Wilhelm Fink Verlag Paderborn, 2016, S.176

 

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