Pio Rahner (DE)

INTERVIEW / BRIEFWECHSEL
mit dem Künstler Pio Rahner. Studium der Fotografie an der Folkwang Universität der Künste in Essen bis 2015, im Anschluss Gründung des Projektraums ERLKÖNIG in Bremen.

Lieber Pio Rahner,
die Arbeit an diesem BLOG bringt mich zuweilen dazu, Texte, Ideen und Inhalte verschiedener Beiträge miteinander zu verknüpfen. Meine letzte Interviewpartnerin Christina Irrgang brachte mich auf die Beschäftigung mit Hannah Arendt und ein Zitat, auf das ich gedanklich immer wieder zurückkomme, wenn ich Ihre Arbeit betrachte: “Ohne Dinglichkeit, ohne Materialität ist Erinnerung nicht möglich.“1
Obgleich Sie sich permanent und intensiv mit der Fotografie auseinandersetzen und sich dabei auch der Möglichkeit der digitale Fotografie bedienen, sind es vor allem objektorientierte Installationen aus verschiedenen Materialien, die Sie im Ausstellungsraum vorführen. Teilweise werden dabei Fotografien integriert, oft aber stehen Holzarbeiten, Stoffe, Wachs oder Betonobjekte im Vordergrund der Präsentationen.
Ihre Installationen folgen dabei keiner abstrakten Idee oder Ideologie, sondern – dem Vorgehen der analogen Fotografie ähnlich – dem Habitus der Aufzeichnung und Bewahrung einer Spur in künstlerischer Form. Die Elemente durchlaufen eine Geschichte, bevor sie von Ihnen zusammengefügt werden. Diese Geschichte kann man nicht nur nachlesen, sondern auch haptisch erfahren bzw. räumlich erleben. Diese Art der Übersetzung von Erfahrung, scheint mir einen bemerkenswerter Teil Ihrer Arbeit zu sein. Würden Sie ihr Vorgehen ähnlich beschreiben, bzw. können Sie Ihre Arbeitsweise anhand eines Werkbeispiels vertiefen?

Pio Rahner:
Um die Jahrtausendwende war ich im Zuge eines Austauschprogramms in Olsztyn in Polen. Die digitale Fotografie war im Verbraucherbereich noch sehr jung und Handys waren in erster Linie zum Telefonieren zu gebrauchen. Meine Gastfamilie wohnte in einem Außenbezirk und straßenweise sahen alle Häuser gleich aus. Es war mir nicht möglich, das Haus durch meine gewohnten Erinnerungsstrategien wiederzufinden. Ich erkannte keine Besonderheiten, an denen ich mich orientieren konnte. Die polnische Sprache ist mir bis heute fremd und so waren meine Möglichkeiten der Kommunikation überschaubar. Die Option, sich anhand von spezifischen Situationen im Straßenbild zu orientieren, gab es in meiner ersten Wahrnehmung nicht. Alle Gebäude sahen gleich aus und vor den Häusern waren entweder schwarze 190er Mercedes, oder keine Autos geparkt. Der Baumbestand setzte sich aus Birken zusammen, die immer in dreier Gruppen angeordnet waren. Alle 50 Meter strahlte eine Straßenlaterne ihr gelb orangenes Licht in Richtung der Betonplatten belegten Straße. Am ersten Abend musste ich am Rande des Bezirks abgeholt werden, weil ich die Orientierung verloren hatte. In Begleitung war ich dann auf dem Weg zur Wohnung und entdeckte im Eingangsbereich des Mehrfamilienhauses der Gastgeber unter den Briefkästen ein dickes Bündel Geld. Ich deutete meiner Gastgeberin den großen Fund an. Es war tatsächlich viel Geld. Fast 100000 Zloty. Nachdem aber im Zuge der Währungsreform von 1995 aus 10000 Zloty ein Zloty wurde, hatte 5 Jahre später der Hausmeister des Hauses aus einem Geldbündel alter Währung einen Türkeil geformt. Den hatte ich an jenem Abend entdeckt und vermutet, dass ich einen großen Schatz gefunden hätte. Martha, meine Gastgeberin, wusste um die Geschichte des Geldes in Ihrem Land und konnte deswegen meinen Fund leicht deuten. Sie hatte wahrscheinlich auch nie Schwierigkeiten nach Hause zu finden.

Ohne Titel (negative Form & freudiger Anlass), GB open Bremen 2019

Ich freue mich, dass wir uns über diese Arbeit am Interview kennenlernen. Ja, ich bin Fotograf. Und auch wenn ich Arbeiten formuliere, in denen kein Foto sichtbar ist, geht es immer um Fotografie. Diese Idee, dass die Elemente immer eine Geschichte durchlaufen, bevor Sie zusammengefügt werden, finde ich als Bild eigentlich ganz gut. Ich habe das bisher so noch nicht zusammen gebracht. Aber es klingt, wenn Sie das so beschreiben, auch nach einem Prinzip, nach einem roten Faden. Zu meinen Arbeiten habe ich gar nicht den Abstand, dass ich so ad hoc sagen könnte, das ist jetzt so oder so bei mir. Schon beim Versuch komme ich ganz durcheinander. Mir wurde irgendwann klar, dass ich eher aus dem tun heraus arbeite und zumindest nicht bewusst die Geschichte als Stütze wahrnehme. Ich stelle fest, dass das Haptische für mich ganz wichtig ist. Oder wie kann ich das besser formulieren. Wenn ich beim Fotografieren den Auslöser drücke, dann ist die Arbeit getan. Also das Fotografieren ist wie ein Ende oder eine Quittung von etwas. Ich sehe dann auch direkt das ist was geworden oder nicht. Natürlich kommen dann noch technische Feinheiten, aber im Prinzip ist es das. Die Bildauswahl ist dann noch mal ein Thema für sich, aber darauf will ich jetzt gar nicht hinaus. Bei meinen räumlichen Arbeiten passiert oder entwickelt sich viel beim Tun. Es gibt ein Interesse an einem Material und natürlich formuliere ich für mich einen Ablaufplan. Es entsteht Stück für Stück und manchmal fällt zu viel Licht auf eine Stelle und dann muss ich noch mal von vorne beginnen. Aber der Punkt ist, ich kann beim Fotografieren gut erkennen oder sehen und bei den räumlichen Arbeiten, ist der Weg der Annäherung ein anderer. Hermetisch von einander getrennt sind diese beiden Stränge nicht. Ein Foto, das ich als Dokumentation einer räumlichen Arbeit angedacht habe, kann in einer anderen Situation Bild sein. Oder ich habe eine Fotografie, die ich später nachbaue und dann war quasi das Foto zuerst da. Also es gibt durchaus einen Aspekt in meiner Arbeit, der eine gewisse Permeabilität zulässt.

Für einen Arbeitsaufenthalt in Burkina Faso musste ich ganz technisch einige Vorbereitungen treffen. Ich war im Begriff, Europa zum ersten Mal zu verlassen. Ich hatte immer wieder ein Bild von einem Reisetagebuch vor Augen, das ich vielleicht erstellen müsste. Und wenn man mit fotografischen Bildern arbeitet, ist es vielleicht naheliegend, die Reiseeindrücke mit Bildern zu konservieren. Das ist ja auch sehr zeitgenössisch. Und auch das Menü der Smartphones ist ja mittlerweile so angelegt, dass aus den Handyfotos in Verbindung mit den Geodaten Bildergeschichten zusammengestellt werden. Schon ganz automatisch. Am Ende geht es, so wird es formuliert um Erinnerung. Auch die Playlist des Musikdienstes bietet einen Jahresrückblick an. Da dann im Audioformat. Ich wollte also ganz automatisch meine Reise mit Fotografien reportieren. Ich habe das dann nicht gemacht. Stattdessen habe ich mir ein Paar Schuhe personalisieren lassen, vom Paketboten in Empfang genommen und am Tag meiner Abreise diese Schuhe angezogen. Als ich knapp ein viertel Jahr später wieder zu Hause war, habe ich die Schuhe ausgezogen und vor gelbem Hintergrundkarton abfotografiert. Da diese Schuhe während der Reise und auch während meines Arbeitsaufenthaltes immer bei mir waren, hat sich die Umgebung in die Sohlen der Schuhe eingezeichnet. Sand, Samen, Staub, Tee, Kaugummi, Wärme … Die Fotografie der Schuhe war für mich das kongruente Bild eines Reisetagebuches oder zumindest eine gute Version davon.

Einheit, Fortschritt, Gerechtigkeit, Christoph Schlingensief’s Operndorf, Ziniaré 2016
/ Landlust, Kunsthaus Essen 2017

BW:
Sie wagen es immer wieder bewusst und mutig, neue soziale Räume aufzumachen, die aus der Erfahrung der Grenzüberschreitung resultieren, bzw. diese evozieren. Mit dem Projektraum Erlkönig, laden Sie kunstinteressierte Ausstellungsbesucher in Ihre private Wohnung ein. Im Goethe Institut Ouagadougou servieren Sie mit dem Fotografen Vivien Sawadogo grünen Tee, im Zuge der Eröffnung einer kooperativen Fotoinstallation. An den verschiedensten Orten veranlassen Sie die Betreiber von kommerziellen Werbeflächen dazu, künstlerische Fotografie auszustellen. Gerne können Sie dieser hier angefangenen Liste ein weiteres Beispiel hinzufügen und erklären, warum Ihnen die experimentelle Umgestaltung von sozialen Räumen von Bedeutung ist.

PR:
Sehen Sie da beschreiben Sie schon wieder einen roten Faden, den ich nachvollziehen kann. Formuliert hätte ich das aber nicht so. Und ich widerspreche Ihnen auch gar nicht. Aber ich sehe das von innen heraus. Diese Ausstellungen zum Beispiel, am ehesten denke ich, war es eine
Ungeduld. Ich war fertig mit der Hochschule und dann wusste ich auch nicht, wie es weiter gehen sollte. Und aus dieser Unsicherheit und das Gefühl trifft es, also aus dieser Unsicherheit entstand die Idee der Wohnzimmerausstellung. Das Organisieren anstatt dem Abwarten, das etwas passiert. Und das Wohnzimmer, war der Raum der zur Disposition gestanden hatte. Da gab es auch Vorbilder. Hauskonzerte zu Beginn des 18 Jh. beispielsweise. Auch die Ausstellung im Außenraum Bremens auf den eigentlich kommerziellen Werbeflächen war eine Reaktion auf einen plötzlichen, aus der Situation heraus entstandenen Stillstand. Diese Setzungen ergeben sich durch die Situation. So will ich das vielleicht formulieren. Lange habe ich diese Ausstellungen getrennt gesehen von meinen anderen Arbeiten. Aber nein, es ist offensichtlich ein Interesse am Raum oder am Ausloten der Grenze von Bildräumen und physischen Räumen. Das ist, was ich mache.

Im Archiv, Linz 2018 / Raumklau, Essen 2010

Ich denke im Zusammenhang mit Grenzüberschreitung an ein Experiment, das ich vor 12 Jahren begonnen habe. Ich hatte beiläufig gelesen, dass eine Vermieterin nicht zur Rückzahlung von Mietzins verpflichtet ist, wenn die berechnete Quadratmeterzahl um maximal 10 % abweicht. Das bedeutet, Ich berechne dir die Miete für 110 Quadratmeter, du hast aber nur 100 zur Verfügung. Du merkst es und du bekommst nichts zurück. Klare Rechnung. Ich habe mir dann gedacht, da muss doch was zu machen sein. Ich hatte damals eine kleine Wohnung in Essen. Dort habe ich dann kurz vor meinem Auszug die Wohnung verkleinert. Ich habe einfach eine Wand 10 Zentimeter vor die eigentliche Wand gebaut. Somit habe ich quasi o,5 Quadratmeter unterschlagen und nicht zurückgegeben. Gut ein halber Quadratmeter ist nicht viel, aber ein guter Anfang. Ich bin dann von Wohnung zu Wohnung und zu Wohnungen von Bekannten und habe mir Stück für Stück Raum geklaut. Bei den Wohnungsübergaben ist das bis jetzt nie aufgefallen. Ich habe mir die 10 % Regelung zunutze gemacht und sammle nun Wohnungsstücke. Immateriell für mich, aber physisch sind die Teile nicht mehr Teile einer Wohnung, sondern kleine eigene Teile. Ich habe damals, als ich damit angefangen habe, mit einer Architektin diskutiert. Den Eingriff in die Architektur der Wohnung fand sie aus Gründen der Ergonomie und der Nutzbarkeit für die Mieter bedenklich. Natürlich. Aber das ist ja nicht der Punkt. Aber unabhängig von einer gesellschaftspolitischen Debatte, die so ein Handeln auslösen kann, ist ja die Debatte darüber, was Wohnungsvermieterinnen dürfen oder nicht, zum Glück entfacht. Ich komme jetzt aber wieder zurück auf die Ausstellungen. Denn man muss eben auch mal sehen, was man nicht sieht. Dieser verkleinern von Räumen, hat den Arbeitstitel Raumklau. Und im Prinzip ist das, was ich da veranstalte, nicht zeigbar. Es es ist beschreibbar. Vor Ort ist es unsichtbar, aber messbar. Sicher kann man mit Mitteln der Fotografie den Vorgang oder den Prozess nachzeichnen. Zwangsläufig stellt sich aber auch die Frage nach einer Wahrhaftigkeit. Und bisher habe ich noch keine Ausstellung darüber formuliert. Und wenn, wäre auch die Frage, wie das am besten zu formulieren wäre. Denn tatsächlich finde ich die Intervention vor Ort am spannendsten. Und dann wieder die Diskussion im Nachhinein. Im Prinzip funktioniert das, ohne die Räume zu sehen. Auch eine Präsentation einer wie auch immer gearteten Dokumentation würde wahrscheinlich die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Bildes thematisieren. Und dadurch auch ein wenig ablenken.

Pio Rahner,
10.03.21, Bremen

https://piorahner.de

Startbild: Cc Rocket, Sesamsnack, Erdnüsse 2017 / Tee (RGB) 2017
1 Das Zitat von Hannah Arendt ist dem Text einer Gedenktafel im öffentlichen Raum vorangestellt, Grenzhus Schlagsdorf, Informationszentrum zur Innerdeutschen Grenze, Schlagsdorf.

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