Saïdou Dicko (DE)

INTERVIEW mit dem Künstler Saïdou Dicko (geboren in Burkina Faso, lebt und arbeitet in Paris; Galerie AFIKARIS)

Lieber Saïdou Dicko,
Vielen Dank für dieses Interview! Es gibt viele Gründe, warum ich mich freue, mit Ihnen in Kontakt zu treten zu können. Ich verfolge Ihre Arbeit seit mehreren Jahren.
Kann ich sagen, dass Sie als Maler angefangen haben, indem Sie Schattenlinien in den Sand gezeichnet haben. Später haben Sie die Schatten von Tieren und Menschen fotografiert. Heute sind Sie auch für Ihre Installationen bekannt, die verschiedene Medien und Materialien wie Holz und Stoff integrieren.
Zuletzt war ich besonders beeindruckt von Ihren Aquarell- und Tuschezeichnungen, die ich zum ersten Mal auf Instagram gesehen habe. Haben Sie diese während des ersten Lockdown in Paris angefertigt?

Saïdou Dicko:
Zunächst, ja, ich bin im Norden von Burkina Faso aufgewachsen, wo ich im Alter von vier Jahren als junger Hirte mit dem Zeichnen angefangen habe. Ich war allgemein sehr beeindruckt von Schatten – also begann ich damit, die Schatten meiner Tiere sowie die der Sträucher nachzuempfinden. Wirklich angefangen zu zeichnen habe ich im Alter von neun Jahren, als ich in Ouaga [Ouagadougou/Burkina Faso] ankam. Später im Jahr 2006, begann ich zu fotografieren. Das war in Dakar. Ich habe immer eine Kamera benutzt. Ich definiere mich jedoch nicht als Fotograf, sondern als Bildhauer, bzw. Bildkonstrukteur, der mit einer Kamera malt. Ich sage hier malen, weil ich fotografischen Bildflächen innerhalb des malerischen Prozess gewählt habe, um diese als Hintergründe bzw. Malgrund zu nutzen.
Und wie Sie bereits richtig vermutet haben, habe ich kurz vor dem ersten Lockdown angefangen, Aquarelle anzufertigen. Es ist tatsächlich eine Rückkehr zum Anfang meines Schaffens, denn es ist die Zeichnung, die mich zur Fotografie gebracht hat. Und jetzt ist es die Fotografie, die mich zum Zeichnen zurückbringt. Und diesmal sind meine Zeichnungen von meinen Fotos inspiriert. Diese Aquarelle sind inspiriert von Fotos einer aktuellen Serie “THE SHADOWED PEOPLE”, bei der ich auf die Fotos male. Ich habe diese Serie erst zwei Wochen vor dem ersten Lockdown begonnen und dann während dieser Zeit weiter daran gearbeitet. Es sollte eine Ausstellung in Paris mit der Galerie AFIKARIS vorbereitet werden. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen, wurde diese Ausstellung zu einer virtuellen Ausstellung.

LE CHEVREAU D’OUM KALTHOUM 2020 / The Shadowed People Dessins

BW:
Vor kurzem habe ich entdeckt, dass Sie eine künstlerische Arbeit auf der Oberfläche eines Flugzeugs präsentieren konnten. Ich war berührt, als ich in einer Dokumentation Ihre Arbeit am Himmel fliegen sah und ich dachte über die verschiedenen Aspekte der Luftfahrt nach.
Wir hatten uns bereits daran gewöhnt, die Möglichkeit zu haben, mit einem Flugzeug zu fliegen. Allerdings wurde diese Möglichkeit aus den sehr unterschiedlichen Beweggründen genutzt: etwa aus geschäftlichen Gründen, um entfernte familiäre Beziehungen zu pflegen, um neue Erfahrungen zu machen, oder gar um ein neues Leben anzufangen. Jetzt, da wir uns inmitten einer Pandemie befinden, demonstrieren plötzlich vermehrt einige Leute, wie sehr sie die Luftfahrt aus ökologischen Gründen ablehnen. Diese Argumente sind jedoch schon lange bekannt. Ich vermute, dass diese Argumente jetzt missbraucht werden um hilfreiche und versöhnliche Argumente für die beängstigenden Sperrmonate in diesem Jahr zu finden. Denn in der Tat war es doch eine Krankheit, ein Virus, der uns zwang, zu Hause zu bleiben und uns verbot ans Reisen zu denken, Freunde und Familie im Ausland zu treffen oder gar woanders ein neues Leben anzufangen. Für mich persönlich ist die Erfahrung einer globalen Reisewarnung und der Zwang, in Landesgrenzen bleiben zu müssen, ein beängstigender Status.
Denken Sie als Künstler, dass das kulturelle Leben in besonderer Gefahr ist, oder sehen Sie neue Möglichkeiten für Künstler, die sich aus der Erfahrung von 2020 ergeben?

SD:
Wie auch in der Arbeit, die ich für das Flugzeug angefertigt habe, spielen immer wieder die Teppiche meiner Kindheit eine große Rolle: les tapis Peulh [FR Peulh/DE Fula (Volksgruppe Westafrika)]. Sie faszinierten und inspirierten mich sehr bei meiner Arbeit – im speziellen beim bemalen meiner Fotos, auf denen man immer wieder eine Art Kreuz sehen kann. Es ist ein Symbol, das ich aus einem existierendem Stoff meiner Kindheit – einem Peulh Teppich – entnommen habe.
Als mir das Projekt angeboten wurde eine Zeichnung, bzw. eine Collage an einem Flugzeug anzubringen, dachte ich sofort an den Teppich und daran, dass es in diesem Falle ein fliegender Teppich sein würde. Allerdings nicht durch Magie beeinflusst, sondern durch Technologie. Magie und Technologie sind einerseits widersprüchlich – andererseits bringt es mir Spaß diese Widersprüche in Beziehung zu setzen. In diesem Fall werden moderne Objekte genutzt, um besonders schöne, traditionelle Objekte aufzuwerten. Das war die Idee für dieses Projekt am Flugzeug.

In der Tat erfahren die Europäer mit den Pandemie-Beschränkungen gleichzeitig auch das tägliche Leben von Tausenden von Menschen, die auch ohne eine Pandemie die Chance nicht haben, frei reisen zu können – nur weil ihr Reisepass dies nicht zulässt. Selbst wenn sie es sich leisten können, sind diese Menschen in ihren Bewegungen eingeschränkt. Diese Form der Beschränkung ist tatsächlich das, was manche Menschen jeden Tag erleben. Ich habe diese Situation mit meinem Reisepass erlebt, als ich anfing zu arbeiten. Es war sehr, sehr schwierig, selbst auf dem afrikanischen Kontinent zu reisen. Und in Europa war es noch schwieriger. Es war sehr kompliziert und als ich reiste, erleichterte die Tatsache, dass ich mehrere Visa hatte und oft reiste, die Dinge, aber ansonsten war es nicht einfach!
Es ist nicht leicht, von der Welt abgeschnitten zu sein, von der Familie abgeschnitten zu sein, aber jetzt muss man sich der Situation anpassen. Wir hoffen, dass dies bald eine alte Geschichte sein wird, die wir unseren Kindern und unseren Enkelkindern erzählen und die bald vergessen sein wird.

Natürlich ist diese Situation auch nicht einfach für die Kultur, aber sie wirkt sich eben weltweit auf auf alle gleichermaßen aus. Zum Glück gibt es da die soziale Netzwerke. Wir Künstler stellen weiterhin aus, um unsere Arbeiten präsentieren zu können. Auf dieser Seite ändert sich nichts. Es gibt Sammler. Die kommerzielle Seite ist betroffen – aber nicht zu sehr, weil es eben die Möglichkeiten der virtuellen Präsentation, der Kommunikation und Transporte gibt. Die Galerie schafft es also trotz der Schwierigkeiten, die Werke zu verkaufen und an Sammler zu senden.
Was jedoch fehlt, sind die Vernissagen, die Salons in denen wir unsere Freunde treffen. Wo wir eine gute Zeit miteinander teilen, Momente der Geselligkeit. Denn das beschreibt den eigentlichen Reichtum: andere Menschen treffen und reisen zu können. Ich würde also doch sagen: das Wichtigste fehlt. Die Geschäftsseite funktioniert immer noch, aber das Wichtigste ist die persönliche und menschliche Seite: das Teilen und Lernen. Indem wir reisen, entdecken wir andere Länder und Kulturen. Wir lernen, weil wir selbst sehen und erfahren. Die eigenen Erfahrungen ist wichtiger als diejenigen, die von jemand anderem erzählt werden. Auch wenn zwei Menschen das Gleiche sehen, sind ihre Erfahrungen dabei unterschiedlich, denn jeder hat seine eigene Sichtweise.

LE PAYS DES HOMMES INTEGRES 2006 / OUMOU 2013

BW:
In den Untertiteln Ihrer Arbeitspräsentationen betonen Sie, dass ihre Fotografien nicht digital retuschiert wurden. Warum ist es für Sie wichtig, ein Foto als „Original“ zu behandeln und zu bearbeiten? Warum ist es für Sie wichtig, dass der Betrachter Ihre überarbeiteten Fotografien als Originale wahrnimmt?

SD:
Ich bestehe darauf: ich bin kein Fotograf – aber ich nutze gerne die Fotografie im Arbeitsprozess. Und ich möchte darauf hinweisen, dass meine Fotos nicht aufwendig retuschiert werden. Es gibt keine Kontrast- oder Farbveränderungen. Auch wenn im Arbeitsprozess mehrere Bilder überlagert werden, sind es immer die Bilder, die ich ursprünglich genau so aufgenommen habe. Sie wurden im automatischen Modus aufgenommen und da ich kein Fotograf bin, ist dies oft mit meinem Mobiltelefon geschehen. Diese Einzelaufnahmen verarbeite ich später nur deshalb im Photoshop, da ich hier mehrere Bilder übereinander legen kann, um einen Effekt wie in einem Fotostudio(1) zu erzielen. Ich verwende die Fotos oft als Hintergründe, bzw. Malgrund für meine Portraits.

Bei meiner Arbeit an Hintergründen als Malgrund für Personendarstellungen, entdeckte ich auch die Fotografie für mich. Ein fotografischer Hintergrund kann von mir etwa in der Natur gefunden werden – es können aber auch die Wolkenkratzer von New York sein. Genauso kann es ein traditioneller Stoff, oder aber die Dekoration eines Hauses sein. Ich überlagere diese Bilder und kreiere daraus meine Leinwand.
Ich kann jemanden in Ouaga fotografieren und ihn im Arbeitsprozess nach New York bringen, indem ich meine spontanen Fotos collagiere. Mein Material sind immer Fotos, die ich auch selbst gemacht habe. Ich verwende kein Fremdmaterial. Ich mische diese Bilder und schneide sie digital. Ich mache eine Collage, als würde ich mit der Schere von Hand schneiden, aber sie wird digital erstellt. Der Prozess ist umweltfreundlicher, als mehrere Papierfotos auszudrucken und auszuschneiden. Es gibt einfach Vorgänge, die manuell schwieriger sind als digital – etwa mit dem Drucker umzugehen und so weiter. Aber dies beschreibt alles nur die technische Seite und diese ist mir am Ende nicht sehr wichtig.
Es geht doch vor allem darum, eine Idee weiterzugeben. Nur weil man sie auf dem digitalen Weg präsentiert, hat sich diese Idee durch diese Operation nicht geändert.

Gerne möchte ich hier am Ende unserer Konversation eine poetische Beschreibung präsentieren, die ich bei der Arbeit an meiner Serie “THE SHADOWED PEOPLE” niederschrieb:

Je suis un être humain transformé en ombre par un artiste qui a eu la chance de voyager dans plusieurs pays. Il a fait des photos dans lesquelles il intègre mes photos du quotidien ou pas. Il transforme mon corps en ombres dans son studio photo en perpétuel mouvement. J’espère (Hope) que j’aurais aussi la chance de voyager autant que mon ombre.

[Ich bin ein Mensch, der von einem Künstler, der die Möglichkeit hatte, in mehrere Länder zu reisen, in einen Schatten verwandelt wurde. Er hat Fotos gemacht, in denen er meine Alltagsfotos integriert oder nicht. Er verwandelt meinen Körper in seinem Fotostudio in Schatten in ständiger Bewegung. Ich hoffe (Hope), dass ich auch die Möglichkeit haben werde, so viel zu reisen wie mein Schatten.]

(Interview Dezember 2020)

 

RESERVE 2006, 2018

 

1 An dieser Stelle sei an die Studio Fotografie afrikanischer Vorbilder wie Malick Sidibé und Seydou Keïta erinnert, die bei Ihren Aufnahmen oftmals austauschbare Hintergründe verwendet haben, Stoffe, Fotografien, Malereien.

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