Stefan Mildenberger (DE)

INTERVIEW / BRIEFWECHSEL
mit dem Künstler Stefan Mildenberger, Studium der freien Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg bis 2013

Lieber Stefan Mildenberger,
als ich die konzeptionelle Arbeit JALOUSIE zum ersten mal entdeckte, erschien sie mir zunächst wie ein fototechnisches Spiel – wie die Vorführung einer Möglichkeit der Collage von zwei Bildern mithilfe von Photoshop. Doch dann lies mich diese für mich neue Seherfahrung nicht mehr los, obgleich sie an die bekannte Betrachtung von Linienrasterbildern anknüpft. Ich wollte alle Motive sichten und auch die Bewegung genauer studieren, die beim Seh- und Wechselspiel zwischen zwei Bildvariationen eines Motivs entsteht, die Sie ja fortlaufend nebeneinander als Diptychon präsentieren.

JALOUSIE #104 There is a horse in my kitchen (Andy Kassier & Leah Schrager), 2020, Collage, Diptych, Digital C-Print, Dimensions variable

Für unser Interview habe ich hier sechs Motivbeispiele gewählt und möchte auf das erste hier gezeigte weiter eingehen. Es geht um die Collagen zweier Portraits von Andy Kassier und Leah Schrager. Beide sind Netzkünstler*innen, die in den letzten Jahren vielfach diskutiert und ausgestellt wurden. Sie inszenieren auf Instagram ihre (digitale) Identität anhand von Selfies und interagieren zeitgleich mit Followern, die nicht immer in der Lage sind, diese Präsentationen als Kunstperformances zu begreifen.
Bei einer ebenfalls in diesem Kontext vertretenen Netzkünstlerin Amalia Ulmans funktionierte diese Täuschung besser, da es sich bei ihrer bekannten Instagram Serie EXCELLENCES & PERFECTIONS, um ein abgeschlossenes Projekt von drei Monaten handelte, wohingegen Kassier fortlaufend an der Konstruktion eines erfolgreichen Unternehmers und „white, male, sunny boy“ arbeitet und dafür mittlerweile bekannt sein sollte. Jüngst feiert er auf Instagram sein „coming out“ als Maler neben seiner inszenierten Selbstdarstellung als erfolgreichen Geschäftsmann. Nachdem sich Leah Schrager während einer nicht eindeutig als Kunstperformance aufgeführten Selfie-Aktion im öffentlichen Raum bösartigen Beleidigungen der Zuschauer und digitalen Follower ausgesetzt sah, präsentierte sie sich ebenso eindeutig als „digital art & online performance“ Künstlerin auf Instagram.

Man könnte über die unterschiedlichen Figurendarstellungen, teils albernen Selfies von Kassier, Schrager wie auch Ulman herzlich lachen, wenn sich nicht beim längeren Studium Gefühle des Unbehagens verstärken würden. Es scheint als bestimme heute vor allem das breite Publikum und die bloße Anzahl an Fans über den Erfolg eines Künstlers und weniger ein inhaltlich interessanter Diskurs. Der (Like-)Algorithmus verleiht dem Werk also erst seine mediale Präsenz und Dominanz. Leah Schrager spricht am Anfang ihrer Karriere ganz bewusst vor allem Männer an, die an Pornographie und Pin-up-Art interessiert sind, um überhaupt eine hohe Anzahl an Followern erreichen zu können, die im Kunst- und Kulturbereich eher schwer zu akquirieren sind. „Die sozialen Medien sind voller Fotos, wie Leah Schrager sie (…) macht. Eine junge Frau in sexy Pose, das klickt. Das weiß Schrager, weil sie unter anderem davon lebt, dass Männer ihre Fotos und mehr sehen wollen.“2
Die Performancekünstlerin Amalia Ulman präsentierte mit EXCELLENCES & PERFECTIONS entlang weiblicher Rollenklischees eine psychisch labile Person, die zwischen verschiedenen stereotypen Opferrollen wechselt. Ulman behauptet im Interview, es gäbe kein unverfälschtes ICH „da wir immer als Reflex handeln und zwar in der Weise, wie wir von anderen gesehen werden wollen“1.
Andy Kassiers Figur wirbt bei seiner Selbstinszenierung ausschließlich um die Gunst des digitalen Followers. Er zeigt sich nie mit einer anderen Person im Bild und es scheint, dass auch die entfernt installierte Kamera vor Ort die sich auf seine Aktionen richten, auf einem Stativ angebracht ist und nie von einer anderen Person gehalten oder bedient wird. Obgleich sich „Erfolg“ in der Gesellschaft auch durch Freundschaften oder mindestens Formen nützlicher Verbrüderung verhandeln ließe, agiert er vorlieb allein (oder aber mit Tieren) in einer Umgebung die seinen Erfolg abbilden soll. Dazu gehört etwa ein Ort, den er bei seinen Instagram Posts mit „South Africa, Hogsback“ betitelt – einer Gegend die von Kolonialstrukturen und Unterwerfung der einheimischen Bevölkerung nachhaltig geprägt wurde.

In Ihrer fotokonzeptionellen Arbeit JALOUSIE wurde jeweils „eine weibliche und eine männliche Figur, mit ähnlichen historischen und gesellschaftlichen Hintergründen, in übereinstimmenden Posen ausgewählt und beide übereinander collagiert“ – wie Sie es selbst beschreiben. Das Bild, das bei Schrager und Kassier entsteht, erscheint mir dabei merkwürdig wahrhaftig in der Darstellung der beiden Künstlerpersönlichkeiten und der Repräsentation ihrer Netzcharakteren. Das mag an der Überzeichnung der Pose einerseits, aber auch der Sichtbarkeit männlicher, weiblicher Anteile der jeweils gegensätzlich geschlechtlichen Figur andererseits liegen: Die gewählte Abstraktion verstärkt den Eindruck einer Darstellung medialer „Mann-Frau“ Konstruktionen als Opferfiguren. Das mag nun meine ganz eigene Wahrnehmung sein und doch möchte ich Sie an dieser Stelle gerne danach befragen, aus welcher Motivation heraus Ihre Collagearbeit eine tatsächlich sehr umfangreiche Serie vorlegt, in der Sie 238 prominente Figuren miteinander verweben?

JALOUSIE #97 Strong like my dress (Cicciolina & Arnhold Schwarzenegger), 2019, Collage, Diptych, Digital C-Print, Dimensions variable

Liebe Birgit Wudtke,
meine erste Motivation mit der fortlaufenden Collagen-Serie JALOUSIE zu starten war, mich künstlerisch mit dem Dualismus „Mann-Frau“ auseinanderzusetzen. Die Dekonstruktion der Ikonografisierung von Personen durch die Medien war ebenfalls eine treibende Kraft. Letztere wurde inspiriert durch den Vortrag „Nur das erkannte Falsche ist noch wahr“ von Bazon Brock im Panoptikum Hamburg in 2009, welcher durch die noroomgallery initiiert wurde. Innerhalb meiner künstlerischen Arbeit ist es mir ein Anliegen, die ursprünglichen Inhalte der Massenmedien mithilfe der Abstraktion von ihren politischen und sozialen Wirkungen zu befreien. Durch die Verwendung von konzeptionellen, als auch zufälligen Prozessen und Kompositionen, transformiere ich die ursprünglichen Bild-Konventionen und schaffe daraus Abstraktionen.
Die Collagen mit Kassier, Schrager, Ulman, Eidinger, Byström, Soth, Gilden, Scheynius, Collins und Toledano sind nach einer umfangreichen Recherche zu Künstler*innen auf Instagram entstanden. Zu erwähnende Ausstellungen wären hier unter anderem Performing for the Camera im Tate Modern, The Artist Is Online. Painting and Sculpture in the Postdigital Age in der König Galerie, Link in Bio. Kunst nach den sozialen Medien und Virtual Normality Netzkünstlerinnen 2.0 jeweils im Museum der bildenden Künste Leipzig.

JALOUSIE #105 Still thinking about you and my denture (Amalia Ulman & Lars Eidinger), 2020, Collage, Diptych, Digital C-Print, Dimensions variable

Im Rahmen der Ausstellung What Cheese are you? Video, Digitalisierung und Internet today! im Kunstverein Jesteburg wurden die Collagen JALOUSIE #104 There is a horse in my kitchen (Andy Kassier & Leah Schrager) und JALOUSIE #106 From analog to digital and back again (Arvida Byström & Alec Soth) erstmals ausgestellt. Die Ausstellung wurde kuratiert von Isa Maschewski und dem Künstler Malte Struck.
In den Collagen entsteht immer ein davor und dahinter. Ein Zwischenraum der sich nie ganz schließt, denn er ist besetzt mit einem Teil einer anderen Persona. Andy Kassier der sich auf Instagram in einer Wiederholung immer wieder gleich inszeniert, wird ergänzt mit Leah Schrager, die sich zwischen Kunst und Pornographie auf Instagram ihre Follower sichert.
JALOUSIE #104 There is a horse in my kitchen (Andy Kassier & Leah Schrager) rückt ihre beiden Welten näher zusammen und lässt Platz dafür, über ihre eigentlichen Netzcharaktere hinauszuwachsen und der Darstellung medialer „Mann-Frau“ Konstruktionen als Opferfiguren zu entfliehen.

JALOUSIE #22 Someone`s shame is another one`s fame (Michael Jackson & Madonna), 2010, Collage, Diptych, Digital C-Print, Dimensions variable

Die ersten „Mann-Frau“ Darstellungen die mich zur Abstraktion ihres Abbildes inspirierten, waren Personen auf Zeitschriften-Covern. Deren Bilder zerteilte ich mit einem Cutter-Messer in Streifen und collagierte sie übereinander. Der darauf folgende Wechsel zu digitalen Collagen fand relativ schnell statt, denn ich entschied mich dazu, Bilder von berühmten Personen im Internet zu finden. Im Zuge dessen ist auch die historische und gesellschaftliche Ebene die mit den gefundenen Fotos einherging für mich relevant geworden. Ein Beispiel dafür ist eine der ersten Collagen in digitaler Form mit dem Titel: JALOUSIE #22 Someone`s shame is another one`s fame (Michael Jackson & Madonna) aus dem Jahr 2010. Auf den zwei Bildern sah man die Superstars wie sie sich in den Schritt fassten. Zusammengesetzt aus Bildern von Madonna während ihrer Blond Ambition World Tour die im Jahr 1990 startete und Michael Jackson während seiner Dangerous World Tour aus dem Jahr 1992. Gegen Ende der Tour wurde dem “King of Pop” zum ersten Mal öffentlich vorgeworfen, ein Kind missbraucht zu haben. Zwölf Jahre später stand er deswegen vor Gericht und wurde trotz vieler massiver Vorwürfe gegen ihn freigesprochen.

Michael Jackson wurde häufig der ständige Griff an sein Genital als „Dance-Move“ zugeschrieben. Er selbst sagt dazu in einem Interview mit Ophra: „Ich denke, es passiert unterschwellig. Wenn Sie tanzen, wissen Sie, dass Sie nur die Musik, die Klänge und die Begleitung interpretieren. Wenn es eine treibende Basis gibt, wenn es ein Cello gibt, wenn es eine Saite gibt, werden Sie zur Emotion dessen, was dieser Sound ist. Wenn ich also eine Bewegung mache und mir in dem Schritt fasse, ist es… es ist die Musik, die mich dazu zwingt.“3

Madonna`s Griff in den Schritt während der Performance zu Like a Virgin sorgte hingegen für heftige Kontroversen. Papst Johannes Paul II. forderte die breite Öffentlichkeit und die christliche Gemeinde auf, nicht an der Tour teilzunehmen, und nannte sie “eine der satanischsten Shows in der Geschichte der Menschheit”4. Die Proteste führten zur Absage einer italienischen Show. In Toronto drohte die Polizei, Madonna wegen der Aufführung von Like a Virgin zu verhaften, weil sie Masturbation simuliere. Trotzdem setzte Madonna die Show unverändert fort.

Diese auf Grund von dem biologischen Geschlecht der Personen so unterschiedlich bewerteten „Griffe in den Schritt“, verschmelzen in dem Collagen-Paar JALOUSIE #22 Someone`s shame is another one`s fame (Michael Jackson & Madonna) Wie auch bei der von Ihnen beschriebenen Collage JALOUSIE #104 There is a horse in my kitchen (Andy Kassier & Leah Schrager) passiert hier ebenfalls ein interessantes Wechselspiel der beiden Protagonisten. Es entstehen zwei neue Figuren deren Interpretation jetzt in einem Kunst-Kontext passieren kann.
Das entstandene Diptychon erscheint auf den ersten Blick identisch. Betrachtet man die Augenpartie jedoch etwas genauer so erkennt man das die beiden Collagen nicht gleich sind. Sie sind zu 100% verschieden. Der Gesichtsausdruck der zwei neuen Figuren erscheint häufig auch unterschiedlich, manchmal auch konträr zueinander. In Gesprächen mit Besucher*innen in meinen JALOUSIE-Ausstellungen hat sich herausgestellt, dass manche Betrachter*innen häufiger eine „Frau“ und andere vermehrt nur einen „Mann“ in den Collagen erkennen. Diesen Unterschied der Wahrnehmung von Geschlechter-Zuschreibungen finde ich äußerst spannend und würde ihn gerne in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen weiter erforschen.

JALOUSIE #03 If I would walk the runway (Vivienne Westwood & Karl Lagerfeld), 2019, Collage, Diptych, Digital C-Print, Dimensions variable

www.stefanmildenberger.de

Startbild: JALOUSIE #116 To Beautiful to die (Unkown model & Unkown model), 2020, Collage, Diptych, Digital C-Print, Dimensions variable
1 Amalia Ulman: Wie virtuelles Leben reale Anteilnahme weckt, 11.11.2015, Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=SM0uNdANvXM; Abruf 13.02.2021
2 Thema Selfie-Performance von Leah Schrager “Niemand sagt: Sie sehen Kunst” von Anika Meier, Quelle: https://www.monopol-magazin.de/leah-schrager-selfie-pornografie-kunst?slide=0; Abruf 09.04.2021
3 Gal Mux: Michael Jackson’s Fascination With Grabbing His Crotch; Quelle: https://medium.com/illumination/michael-jacksons-fascination-with-grabbing-his-crotch-c6c602fe4511; Abruf 21.04.2021
4 https://de.qaz.wiki/wiki/Blond_Ambition_World_Tour; Wikipedia; Abruf 21.04.2021

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