Volker Renner (DE)

INTERVIEW / BRIEFWECHSEL
mit dem Künstler Volker Renner, Studium der angewandten Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg, Diplomstudium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, Masterstudiengang bei Peter Piller an der HGB Leipzig

Lieber Volker Renner,

die besonderen Umstände der letzten anderthalb Jahre haben sicherlich seltsame soziale Umgangsformen evoziert und damit ungewohnte, wie auch begrenzte Perspektiven im Alltag provoziert. Was mich betrifft, so versuche ich gerade meine neue Abhängigkeit vom täglichen Check-up von Impfquote, Infektions- und Reproduktionszahl zu überwinden. Gleichzeitig freue ich mich über mein neues Projekt mit dem FotoKunstDiskursBLOG und der damit verbundenen Möglichkeit, Kontakt zu Fotokünstlern aufzunehmen und mit Ihnen Interviews erarbeiten zu können. Allerdings habe ich auch seit der Pandemie kaum mehr Kunstobjekte und Projektarbeiten in direkter Anschauung betrachten oder im Museumsraum erleben können und so frage ich mich momentan, wie intensiv mein Kontakt mit Kunst über die reine online Anschauung auf meinem Laptopbildschirm überhaupt sein kann?
Trotz der Möglichkeit zeitweise auch private Galerien besuchen zu können, habe ich meinen physischen Bewegungsraum und meinen Kontaktradius im Zuge des Lock-Downs und der Distanzregeln extrem eingeschränkt. Eine gewisse Freiwilligkeit muss wohl dabei konstatiert werden und die Tatsache, dass die Anordnung von Kunst im Raumkonzept des White Cube mich zunehmend weniger interessiert – umso wichtiger jedoch der Besuch von Kunst- und Fotobuchhandlungen für mich geworden ist, also die Sichtung von Künstlerbüchern und Künstlereditionen. Kurz: ich mag Kunst, die man in die Hand und mit nach Hause nehmen darf.

An dieser Stelle muss ich mich bei Ihnen bedanken, da Sie mir kürzlich die Möglichkeit gegeben haben, eine Auswahl Ihrer Künstlerbuch Publikationen in Ihrem Garten sichten zu können. Im Anschluss habe ich zwei Ihrer Veröffentlichungen ausgewählt, die ich intensiv zu Hause betrachten konnte und nun im Moment des Schreibens neben meinem Laptop liegen habe. Bevor ich näher auf eine dieser Publikationen eingehe, soll kurz erwähnt werden, dass Sie von 2007 bis heute 24 fotografische Buchkonzepte veröffentlicht haben. Im informativen Interview mit Peter Lindhorst (Photonews 2015) sprechen Sie von einer „Obsession für Fotobücher“1; diese nicht nur zu sammeln (wie Sie es auch tun), sondern auch selbst zu konzipieren, zu produzieren, zu publizieren. Sie leisten sich also eine enorme Kraftanstrengung neben der angewandten Auftragsarbeit als Fotograf. Bei Ihnen ist das Büchermachen eine Leidenschaft und zugleich Medium und Möglichkeit sich als Künstler auszudrücken. Lange Zeit haben Sie für die Buchprojekte Ihre eigenen fotografischen Arbeiten in Serie gebracht. Ab 2018 haben sie Konzeptionen vorgelegt die digitales Bildmaterial aus dem Internet neu kontextualisieren. Besonders eindrucksvoll erscheint mir persönlich die aktuelle Publikation POTENTIAL SIGHTINGS zu sein, auf die ich im Folgenden weiter eingehen möchte und zu der ich Sie weiter befragen will.

Viele Künstler und Gestalter haben sich eine Zeit lang damit auseinandersetzen müssen, wie man die 45. Amtsperiode der Präsidentschaft in den USA bildlich festhalten kann, ohne dabei ständig das Gesicht des Präsidenten zu zeigen. Wie die Artdirektorin Malin Schulz in einem Vortrag berichtet2, hat sich auch die Wochenzeitung ZEIT mit diesem visuellen Dilemma beschäftigt. Viele wollten oder wollen keine Wiederholung des Abbilds D.T. – noch schlimmer eine Wiederholung seiner Amtszeit. Das Gesicht möchte man vergessen – nicht aber die Erinnerung daran, was sich, durch unheilvollen Populismus und rechtsextreme Politik hervorgerufen, nicht wiederholen darf. So ist es vielleicht kein Zufall, dass Sie als deutscher Fotokünstler einen lohnenden Ansatz für diese, uns nicht gänzlich unbekannte Problematik des Erinnerns, gefunden haben.

Das Buch POTENTIAL SIGHTINGS zeigt 480 unscharfe Gesichter. Die Unschärfe, die sich hier abbildet, wurde allerdings nicht durch ein Bildbearbeitungstool erzeugt, wie etwa bei den bekannten Bildgestaltungen von Thomas Ruff („Nudes“) oder Heidi Specker („Speckergruppen“). In Ihrer Arbeit geht es also nicht um den Versuch, fotografischen Bildern einen malerischen Duktus einzurechnen und sie damit in einen zeitspezifischen Ausstellungsdiskurs einzureihen (siehe Gruppenkatalog „Unschärferelation“, Hatje Cantz 2000).
Ihre Bildersammlung dagegen soll im gewählten Format eines Buchkonzepts funktionieren, das in diesem Fall einen künstlerischen Umgang mit einer schwierigen politischen Thematik anbietet. Dabei geht es um nicht weniger als das ganze Ausmaß einer rechtsradikalen, rassistischen und sexistischen Politik in den USA, die es geschafft hat, eine Vielzahl von Bürgern zu antidemokratischen und kriminellen Handlungen zu motivieren, die in der Erstürmung des Kapitols am 6. Januar 2021 ihren gefährlichen Höhepunkt erreichte. Ein unbekannter Host (Datenbankbetreiber) schaltete daraufhin ein online Portal, welches das von den Teilnehmern selbst gefilmte und in den sozialen Medien hochgeladene Material zusammenführt; mit der Möglichkeit Informationen zu den abgebildeten Personen dem FBI zu melden. Aus den privaten Filmaufnahmen wurden teils unscharfe Gesichter aber auch deutlich erkennbare Personenabbildungen extrahiert und auf der Webseite „faces of the riot“ zu einer Bildergalerie geordnet, die wiederum eine Verlinkung zu den originalen Bewegtbildern anbietet.
Sie haben von diesem erstaunlichen wie unfassbaren Portal vor allem die unscharfen Darstellungen für sich archiviert und neu kontextualisiert.

Die besondere Unschärfe, die sich hier abbildet, entsteht vor allem durch die niedrige Qualität des Materials. Sie haben die Gesichter und Ausschnitte wie vorgefunden genutzt und nicht verändert, allerdings mussten Sie die Bilddaten auf ihr gewähltes Druckformat (10×10 cm plus Weißraum) bringen und somit digital hochrechnen. Bei diesem Vorgang werden Pixel noch einmal optisch weich verrechnet. Daher zeigen Ihre Bilder auch keine hartkantigen Treppenmuster. Durch die Papierauswahl und die Offset-Druckqualität gewinnen die Bilder zudem an besonderer Haptik und Mattierung. Sie scheinen beinahe pudrig auf dem Papier zu liegen, so als könnten sie vom nächsten Wind verweht werden. Man muss also das Buch als Material in den Händen halten, um diese Qualität nachvollziehen zu können. Jede digitale Reproduktion wäre in der Repräsentation des Buches verfehlt. So auch mein Versuch der Abbildung im Blogbeitrag.

Was mir persönlich am Buch gefällt ist die Nachdrücklichkeit der Konzeption und der poetische Umgang mit schwierigem und gleichermaßen explosivem Bildmaterial. Einerseits ist es die Menge an Gesichtern (mit Verweis auf mehr als 5000 Onlinedarstellungen), die verstört, und die besondere Repräsentation von Personen, die dem Fratzenfest Halloween entsprungen scheinen. Im Widerspruch zum Inhalt und Gestus der Bilder schaffen Sie es mit dieser Arbeit dennoch, dass man das Buch als Material und Produkt ihrer Konzeption anfassen mag und als gut komponiertes Objekt in den Händen halten und länger betrachten möchte.
Zudem erscheint es mir wichtig zu erwähnen, dass die von Ihnen präsentierten stillen Bilder sofort zum Studium der Bewegtbilder der Webseite „faces of the riot“ animieren. Obgleich es die freie Entscheidung des Betrachters bleibt, dieses auch zu tun.


Ich jedenfalls habe mir einige Zeit genommen das Tätermaterial zu sichten.
Der unverschämte Vorgang, sich selbst, Familie, Freunde und Verbündete bei einer derartigen, illegalen Veranstaltung zu filmen und im Netz zu zeigen, zeugt allein von ungeheurer Dummheit und Dreistigkeit. Erstaunlich gleichermaßen die Durchmischung des Mobs, dem alle Altersgruppen (Kleinkinder ausgenommen) und Hautfarben zugehörig scheinen – eine Meute, in der die Mitglieder verschiedener rechtsextremer, staatsfeindlicher und gewaltbereiter Gruppierungen eindeutig identifiziert werden konnten. Ebenso verstörend sind die dabei aufgezeichneten verbalen Kommentare und Ausrufe der filmenden und gefilmten Personen.
Ihr Buch eröffnet also die Möglichkeit, die stillen Bilder und unscharfen Fratzen virtuell zum Leben zu erwecken und online zu animieren. Das erinnert an aktuell populäre Geschäftsideen, wie sie die Platform artivive.com oder paper.plus anbieten. Und doch ist es nicht vordergründig Ihre Intention, ihr Buch in Verbindung mit der Webseite “faces of the riot“ zu betrachten. Die Benennung der Bildressource und der dazu gehörige erklärende Klappentext auf der Buchrückseite, bleiben jedoch ein bewusst gesetzter Bezug Ihrer Präsentation.

Wenn man sich die Themen Ihrer vorangegangenen Künstlerbücher anschaut, mag diese Publikation eine besondere sein. Ihr aktuelles visuelles Werk gleicht einem Warnruf, wie er mit Worten kaum zu formulieren wäre. Nicht zu vergleichen mit den Inhalten anderer Kleinsteditionen aus Ihrer Hand, die oftmals mit viel Humor komponiert wurden. Wie kam es also zu der Entscheidung „faces of the riot“ als Bildressource zu nutzen? Und wie haben Sie im Arbeitsprozess mit den vielen online-Bildern eine Auswahl geschafft, bzw. warum sind es am Ende 480 Gesichter geworden, die sie uns zeigen möchten?

Liebe Birgit Wudtke,
ich glaube, wie viele Menschen, war ich in der Amtszeit des 45. Präsidenten wie unter einem medialen Schock. Die Omnipräsenz und die ständige Frage: Was macht er jetzt, was kommt als Nächstes, schien nie enden zu wollen. Nicht umsonst hatten Bücher wie George Orwells „1984“, Philip Roths “The Plot Against America“ oder Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ wieder eine Renaissance erlebt. Die Wahl Joe Bidens war da für mich eine enorme Erleichterung, doch wie es die jüngste Geschichte zeigt, war der Spuk noch nicht vorbei und mündete im Sturm auf das Capitol, auf die Demokratie und in einem zweiten Amtsenthebungsverfahren.

Die Internetseite „faces of the riot“ wurde mithilfe der Gesichterkennung generiert und von privaten Personen ins Netzt gestellt. Das Material stammt von den Akteuren selbst, die sich in sozialen Medien wie „Parler“ mit Ihren Taten brüsten und zeigen wollten. Bei der Gesichtserkennung oder „face-detection“ sucht ein Algorithmus nach Gesichtsmustern. Die erstellten Daten werden in eine Datenbank eingearbeitet und sind dann auf der Präsenz „faces of the riot“ zu einem Fahndungsraster zusammengefasst. Wer ein Gesicht zuordnen kann, soll es dem FBI melden. Das Portal wirkt wie ein zeitgenössischer Pranger und birgt kontroverse Inhalte und Interpretationen. Wer war beteiligt, wer vielleicht nur Journalist, wer verfolgt und wie? 

Im Buch ging es weniger darum, die Idee des Prangers wieder aufzunehmen, als vielmehr darum, dem Horror ein Gesicht und zwar ein nicht unmittelbar zuordenbares Gesicht zu geben. Alienhaft wirken viele der ausgewählten Bilder und so kommt mir dieser ganze Sturm auch vor. Wie viele Science-Fiction Filme in Hollywood-Tradition gibt es, in dem das Capitol von Außerirdischen angegriffen wird? Dass es mal ein wilder Mob sein wird und die Realität werden würde, bleibt unfassbar. Es waren mehrere Aspekte, die mich an diesem Thema gereizt haben. Einerseits die schiere Ungeheuerlichkeit, aber auch die Fassungslosigkeit bezogen auf die Ereignisse und die Geschichte die diesen voranging.
Wenn ich sonst mit gefundenem Material arbeite, gibt es ja eher einen humoristischen Aspekt. Es können die fotografisch gescheiterten Urlaubserinnerungen eines Diaarchivs sein oder die Titelbilder von Heimatromanen, die mit Dialogsätzen einer anderen Absurdität zugeführt werden.
Absurd bleiben die Ereignisse, die in POTENTIAL SIGHTINGS verhandelt werden, doch ist es in diesem Fall ein gesellschaftlicher, kein humoristischer Aspekt. Das Projekt ist ein visuelles Zeitdokument, dass den Bruch und die Spaltung einer Gesellschaft dokumentiert.

Als die Seite „faces of the riot“ online ging war ich an mehreren Mechanismen interessiert.
Die Bilder, die gezeigt werden, wurden ja aus dem Material der Täter generiert, dass auf dem Netzwek „Parler“ hochgeladen wurde. Dann geschah der Hack in das vermeintlich abgeschlossene System der Sympathisanten und die Umdrehung vom Prahlen mit den Taten, zur Verfolgung dieser.
Da es sich ja um ein Künstlerbuch handelt, ist man auch weniger an ein konventionelleres Erscheinungsbild gebunden. Statt Seitenzahlen haben wir uns für ein kryptisches Streifenmuster entschieden, dass beim schließen des Buches die Anmutung der amerikanische Flagge auf dem Schnitt ergibt. Wenn alle Streifen zusammenkommen, ergibt sich ein Bild. Die Indifferenz der abgebildeten Menschen speist den Horror, der aufgrund der Offenlegung der Quelle entsteht.

Nach der langen und intensiven Zeit, die ich mit den Gesichtern verbracht habe, wurde mir schnell klar, dass die Idee nicht in der 1:1 Wiedergabe der Akteure münden soll, sondern das Ziel vielmehr ein diffuseres Bild des Schreckens und Horrors sein muss. Der Horror, den die Sammlung erzeugt liegt ja nicht nur in der bildlichen Darstellung, sondern dem Gedankengut, der massenhaften Überzeugung, für die die Bilder stehen. Abgebildet könnte jeder sein. Gleichzeit beginnt man anders auf die Bilder zu schauen und versucht etwas zu erkennen oder zu deuten, erhält nicht das klare Gesicht des mutmaßlichen Täters, sondern ein diffuses Bild des Schreckens, indem sich teils auch malerische Aspekte wiederfinden. Es sind ja alles Menschen auf den Bildern. Ein Teil einer Masse, die sich immer weiter hochschaukelt, angepeitscht von verschiedensten Gruppierungen und Agitatoren. Der Funke, der nach Fehlinformationen zum Sturm auf das Kapitol führt, entfacht ja ein längerer Prozess. Die Agitation ist ein gezielter Angriff auf die Demokratie. Es ist somit ein abstraktes Bild des Bösen, beziehungsweise ein Bild einer umsichgreifenden Gefahr durch Falschinformation („die gestohlene Wahl“). Das Bild einer Massenpsychose.

www.volkerrenner.de
www.textem.de/verlag

1 Volker Renner im Interview mit Peter Lindhorst: „Das Nächste bitte!“, Photonews 2005, https://photonews.de/blogphotonews/das-naechste-bitte, Abruf 15.06.2021
2 Malin Schulz im Vortrag: „Was ist Tabu“, https://creativemornings.com/talks/malin-schulz-was-ist-tabu-uberlegungen-einer-artdirektorin, Abruf 15.06.2021

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